|
Lupus in fabula — Kunststück außer der Reihe I
Gelb
Peinigend: die Gedanken in der Nacht; in der Nacht, wenn die Geräusche der Stadt schwinden, wenn die Geräte schweigen, wenn die Maschinenmenschen in den Schlaf hasten, der sie beiläufig umfängt wie eine flüchtige Begegnung zwei Fremde. Und immer wieder das Bild, eingebrannt in meine Netzhaut, wenn ich die Augen schließe, grell in staubigem Grau: ein Kanarienvogel in einem Käfig aus Tod. Und alles schlaucht mich, schafft mich, schraubt mich ein in gewundene Zwingen, unter Tags, als trüge ich bleierne Gewichte, wie ein Taucher, unter Wasser zu gehen, in die Tiefe hinunter: unter die Wirklichkeit. Dann schließe ich die Augen, wieder und wieder, und sehe das Gelb, sehe diesen kleinen Flecken gelebt habenden Lebens in dem Meer aus Schutt und Asche, das die Detonation zurückließ. Und ich weiß, nichts wird mehr gut, solange es dieses Bild gibt in meinem Kopf, dieses Bild, das leuchtet und pulsiert und in meinem Schädel irisierend explodiert und schreit unaufhörlich: daß ein Mensch wegen mir nicht mehr ist.
Dabei hatte überhaupt niemand zu Tode kommen sollen. Eduard Pop ist kein Mörder. Ein Terrorist vielleicht, aber kein Killer. Tatsächlich hatte ich es Gerhard ausgeredet, der von Anfang an eine Art Mikroguerilla vor Augen hatte, zwei veritable Kombattanten, im Krieg befindlich, und deshalb, natürlich, in ihren Aktionen auch zivile Opfer fordernd: immer für das höhere Gut. Aber der Zweck heiligt die Mittel nicht, habe ich gesagt und gestritten und beharrt und ihn ins Leere laufen lassen. Ihm keine Beachtung mehr geschenkt, bis er einlenkte: Gut, Eduard, keine Opfer, keine Menschenopfer, nur Maschinen und Infrastruktur, tote Konstrukte und tote Bauten, Symbole der alles vernichtenden Macht, gegen die zu kämpfen wir angetreten sind: der militärisch-industrielle Komplex, der technokratische Moloch, der digitale Krake — das Tier.
Sie haben gesagt, Du kannst alles schaffen, die Welt gehört dir, wenn Du nur willst.
Sie haben gelogen. Denn was wir schaffen, bestimmen nicht wir, sondern die Gesellschaft. Und die Gesellschaft ist unser Feind.
Jeder ist seines Glückes Schmied, hat auch meine Mutter immer gesagt und vielleicht hat sie diese calvinistische Krücke gebraucht. Sie selbst war nur eine kleine Hilfsarbeiterin und hielt sich doch zeitlebens für erfolgreich, ohne es je nennenswert gewesen zu sein. Aber sie hatte es weggeschafft aus Siebenbürgen, aus dem Dorf ihrer Kindheit, aus der Armut ihrer Eltern. Und wenn wir nach Rumänien fuhren, war es stets ein Triumph für sie. Die wenigen Übriggebliebenen in Weißenbach waren für meine Mutter bedauernswerte Hinterwäldler, die nie erkannt hatten, um was es in der Welt wirklich geht. Und auch mein Vater betrachtet die Dörfler noch heute mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung. Junge Menschen, sagt er, gebe es in solchen Gegenden zurecht nicht mehr. Die wüßten doch, worauf es ankommt. Jetzt, wo Rumänien endlich in der Europäischen Union ist. Und Ceaușescu lange tot. So tot wie Weißenbach, das jetzt Pârâu alb heißt und kaum mehr als eine Handvoll Einwohner zählt.
Für mich allerdings ist der kleine Weiler inmitten der tiefen Wälder Transsilvaniens etwas völlig anderes. Hier ist Thoreaus Walden, hier gibt es noch Luchse, Bären und Wölfe: Hic sunt leones …
Jenseits davon warten nur Städte, Megacitys, Babylon: das Waste Land urbaner Wüsten und seiner Kultur des Todes.
Dabei ist, was uns tötet, nicht die Gier und nicht der Stolz und auch nicht die Unwissenheit — es ist die überwältigende Larmoyanz und die völlige Untätigkeit angesichts überwältigender Ereignisse.
Nicht umsonst, denn aktiver Widerstand würde das System gefährden.
Ich hatte dieses Buch gelesen, über einen Renegaten dieses Systems, der den Weltzerstörern einfach Bomben schickte, um seine Botschaft hörbar zu machen. Um zu sagen, wie falsch alles läuft. Und daß ein Windpark kein würdiger Ersatz ist für einen Wald.
In den entlegenen Winkeln meines Geistes nisteten Gnome, die für diesen Mann Sympathie hegten, stellte ich fest. Und sagte es Gerhard.
Denn wir verachteten unsere Zeit: die Moderne, den Zeitgeist, den Fortschrittsglauben, den Maschinenwahn, die allgegenwärtige Ökonomie des Konsumismus. Und wir verachteten die Gesellschaft, die sich der Akzeleration der universalen Technologisierung aller Lebensbereiche umstandslos unterwirft: willige Untertanen des Tiers, die sich in dissozialen Netzwerken gegenseitig und ununterbrochen ihrer Orthodoxie versichern und dabei innerlich immer mehr verrohen. Eine lange Linie degenerierter Primaten, zu Cyborgs gezüchtet und zuletzt völlig entseelt. Es ist wie eine Verschwörung aller mit allen, darüber, daß wir sämtlich miteinander vernetzt sein müssten, um überhaupt erst Menschen zu sein. Und doch waren wir es niemals weniger.
Deshalb habe ich kein Mobiltelephon und nutze Computer oder Internet nur äußerst sporadisch. Warum sollte ich ihnen auch sagen, wo ich bin? Und warum auch sollte ich mich freiwillig in ihr Netz begeben? Doch wohl nur, um mich darin zu verfangen.
Anders Gerhard. Er meinte, man müsse den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen. Dem Krieg der Märkte, der auf dem Rücken der Unberufenen, Nichtbefragten und Übergangenen ausgetragen werde, müßten System-Crasher entgegengestellt werden, ein klandestiner Widerstand subversiver Anarcho-Autonomisten, die stellvertretend für die vielen einige wenige symbolhafte Ziele angreifen und vernichten sollten.
Und die dazu das System nutzten.
Zum Beispiel das Internet für einen Waffenschein. Denn das äußere Profil sollte ja doch ein überprüfbares sein: legal, legitim, aber nicht zu unauffällig. Jemand gewaltaffines, aber nicht zu sehr, dabei verantwortungsbewußt: ja verläßlich. Minnesota Multiphasic Personality Inventory, streßorientierte Untersuchung, ausgeklügelte Fragenkataloge, grauer Normalbereich, erwartbare Abweichungen, Lügen-, Interferenz- und Korrekturklasse. Ein vertretbares Maß an sozialer Introversion. Natürliche maskuline Interessen. Kompetitivität. Ein Sportschütze. Alles ganz normal. Gerhard meinte, er sei die Fragen mit einer Art instinktiver Gelassenheit durchgegangen, wie ein erfahrener Seemann unbekanntes Gewässer durchpflügt. Wissen Sie, Herr Pop, hatte der Gutachter zu ihm gesagt, bei einem wie Ihnen, da habe ich keine Sorge. Sie wissen eindeutig, was Sie tun. Und damit hatte er damals wohl auch noch recht.
Dann hatte Gerhard sich im Dark Net weiter informiert. Wie man Sprengstoff selber herstellt, wie man unauffällig an die Rohstoffe kommt. Wo man eine taugliche Drohne herbekommt, deren Herkunft nicht zurückverfolgt werden kann.
Als erstes sollte es gegen die UNO-City gehen: Symbol menschenverachtender One-World-Kapitalismusgrausamkeit. Und wir dann — ironisch — die UNO-Bomber. Als nächstes kam das Umspannwerk Südost. Ein irrer Feuerball, ein Inferno. Und mehrere Tage kein Strom, keine Waffen für die Fußsoldaten der Kriegsherren gegen ein menschenwürdiges Dasein in dieser Welt. Danach eine selbstverordnete Pause. Funktionieren, Dienst nach Vorschrift: keeping a low profile. Schließlich kamen die Sommerferien und die übliche Reise nach Siebenbürgen stand an.
Das füge sich doch, sagte Gerhard, als hätte das Schicksal selbst Gefallen an unseren Operationen, denn ein gewisser österreichischer Holzschlächter und Waldvernichter habe ja doch gar nicht allzu weit von Pârâu alb eines seiner Sägewerke.
Im Rückblick erscheinen mir unsere Unternehmungen wie die übermütigen Kapriolen junger Bären. Bedenkenlos tollten wir umher, erprobten uns im Unbekannten und stießen — nicht gewahr der Fallstricke des Geschicks — vor in verbotenes Gebiet: Hic sunt dracones …
Es schien uns ein außerordentlicher Glücksfall, daß der Mobilfunkmast auf einem leerstehenden Gebäude aufgepflanzt war. Sonst üblicherweise Wohnhäusern, ja Kirchtürmen, vielleicht sogar Spitälern zwangsverordnet, durchstrahlte dieses Exemplar zunächst einmal nur hohlen Raum und tote Materie. Die aufgelassene Wirtschaft am Wilhelminenberg eignete sich offensichtlich ideal für unseren nächsten Schlag, einen Riß in das stetig wachsende Netz zu sprengen.
Was wußten wir auch schon von den Bedingungen unseres Kampfes. Was wußten wir von der wahren Verfaßtheit unserer Freiheit. Daß wir nicht Herren unserer Welt sind, weil über uns bereits entschieden ist. Und daß das, was uns bleibt, nur die Wahl zwischen Übeln ist.
Und so finden mich des Nachts die Dämonen meiner Zeit, und die Gespenster aus dem verlassenen Haus suchen mich auf. Und sie bringen mir ihre Gaben: das Heulen der Sirenen und den Geruch nach wütendem Brand. Das Schreien der Helfer und das ohnmächtige Winseln der Angehörigen. Das Knistern der Atmosphäre, die sich vor all den aufgeladenen Nachrichten wellt: vor der schieren verrotteten Kaputtheit einer solchen Tat. Und gelb leuchtet durch meine Nächte und Tage die Schuld: der Schrecken in einer Handvoll Staub.
Daß Gerhard nicht mehr ist, hilft mir nicht. Zu spät habe ich ihn aufgegeben. Sein Versteck auf der Schmelz war das letzte, was er in Flammen aufgehen lassen durfte. Und mit ihm all seine Widerstandspläne und vermeintlichen Umsturzgeräte. Jetzt höre ich nur noch manchmal seine Stimme, die mir zuraunt, ein Feigling zu sein.
Denn seinen Kampf führe ich nicht mehr. Nach der verhängnisvollen letzten Sprengung bin ich nach Siebenbürgen gegangen. In Weißenbach gibt es viel freien Wohnraum. Mobilfunk und Internet gibt es nicht. Die wenigen Leute, die hier noch leben, fragen nicht nach der industriellen Gesellschaft und ihrer Zukunft. Und ich habe alles, was ich wollte — und zugleich alles, was nicht.
Denn das Bild, das mir bleibt, ist der Anblick des Schuhs: eines kleinen gelben Schuhs inmitten einer Welt von Zerstörung. Und ich denke an das Kind, dem dieser Schuh gehörte. Das Kind, das so arglos in seiner Welt spielte. Das Kind, das sich ohne Schuld in meinem Schicksal verfing. Das Kind, das ich im Kampf gegen mich selbst unwiederbringlich seiner Zeit beraubt habe.
Alexandra Bernhardt
Mehr über Alexandra Bernhardt erfahren Sie hier.
Zum Archiv der »Kunststücke« geht es hier.
|